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Das Gras unter unseren Füßen

Endlich war es soweit: Nach langen und intensiven Proben, Werken und Planen öffnete sich der Vorhang im Landestheater Detmold für die Inszenierung des Stücks „Das Gras unter unseren Füßen“. Insgesamt beteiligten sich 120 Schülerinnen und Schüler des August-Hermann-Francke-Gymnasiums. Etwa 50 von ihnen bildeten das große Orchester, das die Theateraufführung mit klassischer und moderner Musik ergänzte. Etwa 1200 Gäste nahmen an den Aufführungen teil.

Der Kolonistenbrief von Zarin Katharina II. löste ab 1763 eine massenhafte Auswanderung aus Deutschland nach Russland aus. Die Nachfahren dieser Auswanderer sind v.a. in den 1980er und 1990er zum großen Teil wieder nach Deutschland zurückgewandert; sie sind die Russlanddeutschen. In Kooperation mit dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte wurde die Migrationsgeschichte der Deutschen aus Russland vom Literaturkurs des Gymnasiums unter der Leitung von Susanne Hörnle und Eugen Reimer in Form eines Theaterstücks erarbeitet und sowohl m Landestheater Detmold als auch in der großen Aula der Schule aufgeführt.

Was ist Heimat, wo ist man zuhause, wie setzt sich die eigene Identität zusammen? Eine Volksgruppe, deren Väter und Mütter in einem riesigen Land von den Wellen der politischen Umwälzungen hin- und hergeworfen wurden, brauchen länger, um sdiese Fragen zu beantworten. Aber die Suche nach der Vergangenheit bringt auch immer ein tieferes Verstehen der Gegenwart und eine größere Hoffnung für die Zukunft.

Dies sind die Ingredienzien, aus denen sich das Stück „Das Gras unter unseren Füßen“ zusammensetzt. Es ist die Geschichte einer Familie über viele Generationen hinweg. Die Alten geben den Jungen den Stab weiter, bis diese selbst bei der Hochzeit der Enkel stehen und mit klügeren Augen auf die neuen Zeiten sehen. Ebenso wissen sie dann auch, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen und seinen eigenen Weg finden muss. Ihre Hoffnung ist dann der Wegweiser für die nächsten Generationen.

Die Schüler des Literaturkurses stellten eigene Recherchen zur russlanddeutschen Geschichte an und entwickeln daraus die Figuren. Der dabei entstehende Bilderbogen zeigt markante Perioden der Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen, angefangen im Jahr 1763 und in vier weiteren Bildern fortgeführt bis ins Jahr 1992. Anhand dieser fünf Episoden werden soziologische, ökonomische, linguistische, psychologische und religiöse Themen be- und verhandelt. Auch die Geschlechterfrage und die Identitätsfrage werden thematisiert, vor dem Hintergrund der bekannten historischen Fakten: Zarenreich, Stalinismus und Perestroika.

Unter der Leitung des Musiklehrers Johann Penner umrahmte das Orchester die 5 Szenen. So wurde mit dem Lied „Schwarze Augen“ eines der bekanntesten russischen Lieder vorgetragen. Im 1843 erstmalig veröffentlichten Text handelt es sich um die Ambivalenz und Zerrissenheit, um Sorgen über die Zukunft – dieselben Emotionen erlebten die Auswanderer nach Russland. Sehr beeindruckend wurde vor dem dritten Bild die massenhafte Deportation und Enteignung in der neu entstandenen Sowjetunion der

 

1920er Jahre durch die Coriolan Ouvertüre, geschrieben 1807 von Ludwig van Beethoven, gespielt. Der aggressive Klang des Stückes „Tanz der Ritter“ aus dem von Sergei Sergejewitsch Prokofjew 1935 erschienenen Ballett „Romeo und Julia“ verkörperte das Verhalten des harten kommunistischen Regimes in den 1930er bis 50er Jahren und leitete in die vierte Szene des Theaterstücks ein. Keine Gnade, keine Barmherzigkeit, sondern ein kaltes und unbarmherziges Regime begegnete den unterdrückten Menschen in der Sowjetunion. So verdeutlichte die Musik die politischen Verhältnisse und das gesellschaftliche Klima der jeweiligen Zeit, während das Theaterstück einen intimen Blick in die Fragen und Sorgen der Familie bereithielt.

In seiner Eröffnungsrede vor der Aufführung wies Schulleiter Andreas Herm daraufhin, dass viele der beteiligten Schülerinnen und Schüler sich mit der Lebensgeschichte ihrer Vorfahren beschäftigt haben. Es sei das Ziel der Schule den Schülerinnen und Schülern mit russlanddeutschem Hintergrund Integrationsbrücken zu bauen. Das trage maßgeblich zur Identitätsfindung bei.

Stephan Prinz zur Lippe brachte in seinem Grußwort seine hohe Wertschätzung der Ideale der russlanddeutschen Community zum Ausdruck und hob ihren Betrag für das gemeingesellschaftliche Leben in Lippe heraus. Heiko Hendriks, Beauftragter der Landesregierung für Spätaussiedler, überbrachte herzliche Grüße vom Ministerpräsidenten Armin Laschet, dem die Arbeit an den August-Hermann-Francke-Schulen und am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte bekannt ist. Hendricks betonte die Wichtigkeit, die Geschichte von Russlanddeutschen in der breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Damit werde Verständnis für einander geweckt, womit Vorurteilen und Abgrenzung entgegenzuwirken ist.

Das Stück schließt mit den Worten der Großmutter an das jungverheiratete Paar: „Sie wird euch sagen, dass die Heimat schon das Gras unter euren Füßen ist und die Freiheit der Himmel über eurem Kopf. Sie wird euch sagen, dass ihr nicht Deutsche oder Russen seid, sondern bloß zwei Menschen: Nelli und Sebastian. Dass ihr mir das nicht vergesst.“

Das Projekt wurde durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und die Kulturbeauftragte der Bundesregierung gefördert.